Veröffentlicht am März 15, 2024

Eine Alpenüberquerung ist kein unerreichbarer Mythos, sondern ein machbares Projekt, das mit systematischer Planung in 6 Monaten realisierbar ist.

  • Der Schlüssel liegt nicht in extremer Athletik, sondern in einer schrittweisen Vorbereitung, die in deutschen Mittelgebirgen beginnen kann.
  • Die größte Gefahr ist nicht die körperliche Anforderung, sondern Selbstüberschätzung und mangelnde Planung.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit der Ausrüstung, sondern mit einem ehrlichen Fitness-Audit und einem konkreten 6-Monats-Trainingsplan.

Der Gedanke an eine Alpenüberquerung weckt Bilder von majestätischen Gipfeln, stillen Tälern und dem tiefen Gefühl, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben. Für viele bleibt es ein Lebenstraum, der im Alltag schnell als unrealistisch abgetan wird: „Dafür bin ich nicht fit genug“, „Das ist nur etwas für Profis“. Dieser Gedanke ist die erste und größte Hürde. Die gängigen Ratschläge konzentrieren sich oft auf Packlisten und die spektakulärsten Routen, setzen aber eine alpine Vorerfahrung voraus, die viele nicht haben.

Doch was, wenn der Schlüssel zum Erfolg gar nicht in übermenschlicher Kondition liegt, sondern in einer ganz anderen Fähigkeit? Was, wenn eine Alpenüberquerung weniger ein sportlicher Wettkampf und vielmehr ein strategisch geplantes Projekt ist? Genau hier setzen wir an. Dieser Artikel bricht mit dem Mythos des „Super-Alpinisten“ und zeigt Ihnen einen pragmatischen Weg auf, wie Sie Ihren Traum als strukturierte Reise von der ersten Idee bis zum Gipfelerlebnis verwirklichen können. Wir beweisen, dass eine durchschnittliche Grundfitness, gepaart mit einem klugen Projektplan Alpen, ausreicht, um dieses Abenteuer in sechs Monaten vorzubereiten und sicher zu meistern.

Wir werden gemeinsam die mentalen Blockaden lösen, einen konkreten Vorbereitungsplan erstellen, die passenden Routen für Einsteiger analysieren und die wirklichen Gefahren beleuchten, die oft unterschätzt werden. Entdecken Sie, wie Sie die notwendige Erfahrung direkt vor Ihrer Haustür in deutschen Gebirgen sammeln und wie diese Reise nicht nur Ihre Beine, sondern auch Ihr Selbstbild nachhaltig verändern wird.

Warum eine Alpenüberquerung mit durchschnittlicher Fitness in 6 Monaten möglich ist?

Der größte Irrglaube rund um die Alpenüberquerung ist die Annahme, man müsse ein Hochleistungssportler sein. Die Realität sieht anders aus: Beständigkeit schlägt Intensität. Es geht nicht darum, einen Marathon in Rekordzeit zu laufen, sondern darum, über mehrere Tage hinweg sechs bis acht Stunden mit einem Rucksack gehen zu können. Dieses Fitness-Fundament bauen Sie nicht in wenigen Wochen auf, sondern schrittweise über mehrere Monate. Der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig, wenn man ihm die nötige Zeit gibt. Ein kontinuierliches Training, bestehend aus regelmäßigen, längeren Spaziergängen, Wanderungen und ergänzendem Ausdauersport wie Radfahren oder Schwimmen, schafft die Basis.

Die eigentliche Herausforderung ist mentaler und organisatorischer Natur. Die Statistik belegt dies eindrücklich: Die Hauptursache für Unfälle ist nicht körperliches Versagen, sondern eine mangelhafte Vorbereitung. Die aktuelle DAV-Bergunfallstatistik zeigt, dass falsche Planung und fehlende Erfahrung Unfallursache Nummer 1 sind. Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine sorgfältige, realistische Planung ist Ihr wichtigster Sicherheitsgurt. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu kennen, eine passende Route auszuwählen und sich nicht von Gruppendruck oder übermäßigem Ehrgeiz leiten zu lassen. Genau deshalb sind die speziell konzipierten „leichten Alpenüberquerungen“ so erfolgreich: Sie sind für aktive Wanderer mit guter Grundkondition, aber ohne spezifische alpine Erfahrung, ausgelegt und ermöglichen einen sicheren Einstieg in die Welt der Weitwanderwege.

Ihr Ziel ist also nicht, ein Extremsportler zu werden, sondern ein kompetenter Projektmanager Ihres eigenen Abenteuers. Mit dieser Denkweise wird der Traum greifbar und das Projekt „Alpenüberquerung“ realisierbar.

Wie Sie sich in 6 Monaten auf Ihre Alpenüberquerung vorbereiten?

Eine erfolgreiche Alpenüberquerung beginnt nicht am Fuße der Berge, sondern Monate vorher in Ihrem Alltag. Ein strukturierter 6-Monats-Plan verwandelt die vage Absicht in konkrete, erreichbare Meilensteine. Der Fokus liegt auf einem systematischen Aufbau von Kondition und Erfahrung. Wie Alex von BergReif treffend zusammenfasst: Jeglicher Sport, der das Herz-Kreislauf-System trainiert, ist eine gute Vorbereitung. Doch die beste Vorbereitung ist und bleibt das Wandern selbst, idealerweise mit steigender Rucksacklast.

Der Plan gliedert sich in drei Phasen:

  • Monat 1-2: Grundkondition aufbauen. Beginnen Sie mit 2-3 Einheiten Ausdauersport pro Woche (ca. 45-60 Minuten Laufen, Schwimmen oder Radfahren) und einer längeren Wanderung am Wochenende auf einfachen Wegen.
  • Monat 3-4: Intensität steigern. Erhöhen Sie die Dauer Ihrer Wanderungen und suchen Sie sich anspruchsvolleres Gelände in deutschen Mittelgebirgen wie dem Harz oder Schwarzwald. Tragen Sie dabei bereits Ihren Wanderrucksack mit zunehmendem Gewicht (beginnend mit 5-7 kg).
  • Monat 5-6: Alpinspezifische Vorbereitung. Absolvieren Sie mindestens eine mehrtägige Testtour mit vollem Gepäck (ca. 10-12 kg), idealerweise mit einer Hüttenübernachtung, zum Beispiel in den bayerischen Voralpen. Dies trainiert nicht nur den Körper, sondern auch die Routine und den Umgang mit der Ausrüstung.
Wanderer beim Training im deutschen Mittelgebirge mit Rucksack

Dieses Bild symbolisiert den Kern der Vorbereitung: Der Weg zum Alpengipfel führt direkt durch unsere heimischen Wälder und Mittelgebirge. Hier legen Sie das Fundament für Trittsicherheit und Ausdauer. Der Schlüssel ist, den Prozess zu genießen und den Körper an die tägliche Belastung zu gewöhnen.

Ihr Aktionsplan: Vorbereitungs-Audit in 5 Schritten

  1. Fitness-Standortbestimmung: Analysieren Sie Ihren aktuellen Zustand. Wie viele Treppenstufen schaffen Sie ohne Pause? Wie viele Kilometer wandern Sie aktuell pro Woche?
  2. Ausrüstungs-Inventur: Erstellen Sie eine Liste Ihrer vorhandenen Ausrüstung. Passen die Schuhe perfekt? Ist der Rucksack für mehrtägige Touren geeignet?
  3. Routen-Abgleich: Vergleichen Sie das Anforderungsprofil Ihrer Wunschroute (Höhenmeter, tägliche Gehzeit) mit den Daten Ihrer anspruchsvollsten Testwanderung. Ist das Verhältnis realistisch?
  4. Mental-Check: Bewerten Sie ehrlich Ihre Komfortzone. Wie gehen Sie mit Höhe, schlechtem Wetter oder unerwarteten Planänderungen um? Wo sehen Sie potenzielle mentale Hürden?
  5. Trainingsplan-Integration: Leiten Sie aus den vorherigen Punkten konkrete Aktionen ab. Planen Sie die nächste Testtour, buchen Sie einen Erste-Hilfe-Kurs oder kaufen Sie die fehlenden, entscheidenden Ausrüstungsgegenstände.

Jede Wanderung, jede Trainingseinheit ist ein Baustein Ihres Erfolgs. So bauen Sie nicht nur Muskeln auf, sondern vor allem das Selbstvertrauen, das Sie über die Alpen tragen wird.

E5, Traumpfad oder Via Alpina: Welche Route für Ihre erste Überquerung?

Die Wahl der Route ist eine der wichtigsten Entscheidungen in Ihrem „Projektplan Alpen“. Sie muss zu Ihrer Fitness, Ihrer verfügbaren Zeit und Ihrer Vorstellung von einem gelungenen Abenteuer passen. Es gibt nicht „die eine beste“ Route, sondern nur die für Sie passende. Die drei populärsten Optionen für Wanderer aus Deutschland bieten sehr unterschiedliche Erlebnisse.

Der E5 von Oberstdorf nach Meran gilt als der absolute Klassiker. Er ist technisch nicht übermäßig anspruchsvoll und in relativ kurzer Zeit machbar, was ihn für Einsteiger mit guter Grundkondition attraktiv macht. Je nach gewählter Variante und individuellem Tempo kann die Route E5 etwa 6 bis 14 Tage dauern. Sein großer Nachteil ist jedoch seine Popularität: In der Hauptsaison sind die Wege und Hütten oft überlaufen, was das Naturerlebnis schmälern kann. Der Traumpfad München-Venedig ist das genaue Gegenteil: ein episches, vierwöchiges Abenteuer, das landschaftliche Vielfalt und Einsamkeit verspricht. Er erfordert jedoch deutlich mehr Zeit und Durchhaltevermögen. Eine hervorragende Alternative für Genießer und Einsteiger ist die Route von Tegernsee nach Sterzing. Sie ist bewusst auf Genusswandern ausgelegt, mit kürzeren Etappen und komfortablen Transfers, die anstrengende oder uninteressante Passagen überbrücken.

Die folgende Tabelle gibt einen schnellen Überblick, um Ihnen bei der ersten Orientierung zu helfen. Analysieren Sie die Daten im Kontext Ihrer persönlichen Ziele und Möglichkeiten.

Vergleich der beliebtesten Alpenüberquerungsrouten
Route Dauer Schwierigkeit Höhenmeter Besonderheit
E5 Oberstdorf-Meran 6-9 Tage mittel 5150m auf/6800m ab Klassiker, oft überlaufen
Traumpfad München-Venedig 28 Tage leicht-mittel 20.000m gesamt Längster Weg, landschaftlich vielfältig
Tegernsee-Sterzing 7 Tage leicht 100-110km Genusswandern mit Transfers

Recherchieren Sie detaillierte Etappenbeschreibungen, lesen Sie Erfahrungsberichte und gleichen Sie die Anforderungen ehrlich mit Ihrem Trainingsstand ab. Die richtige Wahl ist die Grundlage für ein positives und sicheres Erlebnis.

Der tödliche Fehler bei Alpenüberquerungen, den 40% unterschätzen

Während viele Wanderer ihre Aufmerksamkeit auf Ausrüstung und Kondition richten, lauert die größte Gefahr oft im Verborgenen: die eigene Psyche. Der fatalste Fehler ist die Selbstüberschätzung. Sie führt zu falschen Entscheidungen, ignorierten Warnsignalen und letztlich zu gefährlichen Situationen. Es ist das trügerische Gefühl, „das schaffe ich schon“, das Wanderer dazu verleitet, trotz aufziehendem Gewitter weiterzugehen, eine schwierigere Variante zu wählen oder die eigene Erschöpfung zu ignorieren. Dieses Phänomen ist so verbreitet, dass es eine der Hauptursachen für Bergrettungseinsätze ist.

Die Zahlen sind alarmierend: Wie die DAV-Unfallstatistik zeigt, sind fast 46 Prozent aller Einsätze sogenannte Blockierungen. Das sind Situationen, in denen Wanderer psychisch oder physisch so überfordert sind, dass sie weder vor noch zurück können. Sie stecken fest – nicht wegen eines Unfalls, sondern weil die gewählte Tour ihre Fähigkeiten übersteigt. Dies ist die direkte Folge einer falschen Einschätzung der eigenen Grenzen im Verhältnis zur Schwierigkeit der Route. Wahre Bergkompetenz zeigt sich nicht darin, jedes Risiko einzugehen, sondern darin, zu wissen, wann man umkehren muss. Diese „Risiko-Intelligenz“ ist eine Fähigkeit, die trainiert werden muss.

Alpiner Felshang mit losem Geröll und Warnzeichen für Steinschlaggefahr

Neben der Selbstüberschätzung gibt es objektive Gefahren wie Stein- und Eisschlag, die durch den Klimawandel zunehmen. Im Jahr 2022 waren neun Prozent der Unfälle beim Bergsteigen darauf zurückzuführen – eine Verdreifachung im Vergleich zu den Vorjahren. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, flexibel zu bleiben, den Tourenplan an die aktuellen Bedingungen anzupassen und im Zweifel lieber eine sicherere, aber vielleicht weniger spektakuläre Route zu wählen.

Der wahre Meister der Berge ist nicht der, der am schnellsten oben ist, sondern der, der auch am Abend wieder sicher auf der Hütte ankommt. Planen Sie Puffer ein, hören Sie auf Ihren Körper und haben Sie den Mut, „Nein“ zu sagen – zu sich selbst und zu den Erwartungen anderer.

Wann ist die beste Zeit für Ihre Alpenüberquerung?

Die Wahl des richtigen Zeitfensters ist für den Erfolg Ihrer Alpenüberquerung ebenso entscheidend wie die Route selbst. Das Wetter in den Alpen ist unberechenbar und die Bedingungen auf den Wegen hängen stark von der Jahreszeit ab. Ein zu früher Start im Jahr kann bedeuten, dass Sie auf gefährliche Altschneefelder in hohen Lagen stoßen, während ein zu später Start Sie mit plötzlichen Wintereinbrüchen konfrontieren kann.

Generell gilt: Der ideale Zeitraum liegt zwischen Mitte Juni und Mitte September. In diesen Monaten sind die hochalpinen Übergänge in der Regel schneefrei und die Hütten vollständig bewirtschaftet. Doch auch innerhalb dieses Fensters gibt es erhebliche Unterschiede, die Sie in Ihre Planung einbeziehen sollten. Die Hauptsaison im Juli und August fällt oft mit den deutschen Schulferien zusammen, was zu sehr vollen Hütten und Wegen führt. Eine frühzeitige Reservierung ist hier unerlässlich. Wer mehr Ruhe und ein intensiveres Naturerlebnis sucht, sollte die sogenannten Schultersaisonen in Betracht ziehen.

Hier sind die spezifischen Charakteristika der Wandermonate:

  • Ende Juni: Die Natur erwacht in voller Pracht, die Alpenrosenblüte ist ein Highlight. Sie müssen jedoch noch mit größeren Altschneefeldern in schattigen Lagen und an Nordhängen rechnen. Grödel (Schneeketten für die Schuhe) können hier eine sinnvolle Ergänzung der Ausrüstung sein.
  • Juli und August: Dies ist die stabilste Wetterperiode und die beliebteste Zeit für Alpenüberquerungen. Die Tage sind lang und die Hütten haben voll geöffnet. Der Preis dafür ist der große Andrang.
  • Anfang bis Mitte September: Oft die schönste Zeit in den Bergen. Das Wetter ist häufig stabil mit klarer Sicht, die Wege sind leerer und die herbstliche Färbung der Landschaft ist atemberaubend. Sie können die traditionellen Almabtriebe miterleben. Beachten Sie jedoch, dass die Tage bereits merklich kürzer werden und die Nächte kalt sein können.

Die Entscheidung für die Schultersaison (Ende Juni oder Anfang September) kann für viele die perfekte Balance zwischen guten Bedingungen und einem ruhigeren Erlebnis bieten. Unabhängig vom Monat gilt: Prüfen Sie immer kurzfristig den Wetterbericht und erkundigen Sie sich bei den Hüttenwirten über die aktuellen Verhältnisse auf Ihrer nächsten Etappe.

Bayerische Alpen, Schwarzwald oder Harz: Welches Gebiet für Ihre erste Trekkingtour?

Die beste Vorbereitung auf das Gehen in den Alpen ist das Gehen selbst. Die deutschen Mittelgebirge und die bayerischen Voralpen bieten ideale Trainingsbedingungen, um das Konzept des „Heimat-Trainings“ in die Tat umzusetzen. Statt unvorbereitet in hochalpines Gelände aufzubrechen, können Sie hier gezielt die Fähigkeiten und die Ausdauer aufbauen, die Sie für Ihr großes Ziel benötigen. Jede Region hat dabei ihre eigenen Stärken und eignet sich für unterschiedliche Trainingsfokusse.

Eine mehrtägige Tour in einem dieser Gebiete ist weit mehr als nur Training. Es ist ein Testlauf unter realen Bedingungen. Hier merken Sie, ob die neuen Schuhe wirklich passen, ob der Rucksack richtig sitzt und ob Ihre Packliste vollständig oder überladen ist. Sie lernen, sich auf einer Karte zu orientieren, Ihr Tempo über den Tag einzuteilen und mit der Ermüdung umzugehen. Wie der Deutsche Alpenverein (DAV) empfiehlt: Wer noch nicht viel Erfahrung hat, aber sich fit fühlt, sollte eine geführte Tour, z.B. mit einer DAV-Sektion, in Betracht ziehen. Das Sammeln von Bergwandererfahrung in Begleitung von Erfahrenen ist Gold wert.

Die folgende Übersicht hilft Ihnen, das passende Trainingsgebiet für Ihre Bedürfnisse zu finden, um sich gezielt auf die Anforderungen Ihrer geplanten Alpenroute vorzubereiten.

Deutsche Mittelgebirge als Trainingsgebiete
Gebiet Trainingsfokus Empfohlene Tour Besonderheit
Harz Höhenmeter sammeln Brocken-Aufstieg Ideal für Konditionsaufbau
Schwarzwald Ausdauer & Ausrüstung Westweg (2-3 Tage) Lange Etappen testen
Bayerische Alpen Trittsicherheit Karwendel-Tour Alpine Erfahrung sammeln

Diese Erfahrungen bilden Ihre persönliche „mentale Landkarte“ von dem, was Sie zu leisten imstande sind. Sie sind die beste Versicherung gegen die größte Gefahr am Berg: die Selbstüberschätzung.

Warum körperliche Grenzerfahrungen Ihr Selbstbild transformieren?

Eine Alpenüberquerung ist weit mehr als nur eine sportliche Leistung oder eine lange Wanderung. Es ist eine Reise nach innen. Die tagelange physische Anstrengung, die Reduktion auf das Wesentliche im Rucksack und die direkte Konfrontation mit der gewaltigen Natur und den eigenen Grenzen lösen tiefgreifende psychologische Prozesse aus. In einer Welt, die von ständiger Erreichbarkeit und Zerstreuung geprägt ist, bietet das Gehen eine radikale Form der Entschleunigung und Echtheit.

Diese Erfahrung hat die Kraft, Ihr Selbstbild nachhaltig zu transformieren. Jeder Schritt, den Sie aus eigener Kraft tun, jeder Gipfel, den Sie trotz Müdigkeit erreichen, und jede Herausforderung, die Sie meistern, wird zu einem Beweis Ihrer eigenen Widerstandsfähigkeit und Willensstärke. Das Gefühl, ein scheinbar unerreichbares Ziel erreicht zu haben, stärkt das Selbstvertrauen auf eine Weise, die kaum eine andere Erfahrung vermag. Es ist eine unmittelbare, körperlich spürbare Bestätigung der eigenen Kompetenz.

Der Blogger Stephan Bernau fasst diese tiefere Dimension des Weitwanderns brillant zusammen:

Indem sie die Entfernungen und Maßstäbe wieder mit den Füßen spürbar machen, können Alpenüberquerungen das wachsende Bedürfnis nach Echtheit, Einfachheit und ‚Entschleunigung‘ erfüllen. Das Erlebnis in den Bergen erweist sich als tiefer und befriedigender als der fad gewordene Konsum von Zerstreuungen.

– Stephan Bernau, Bergfreunde Blog – Alpenüberquerung zu Fuß

Dieser transformative Aspekt wird auch in unzähligen Erfahrungsberichten deutlich. Es geht nicht um das Angeben mit einer vollbrachten Leistung, sondern um das Abenteuer selbst und die persönliche Entwicklung, die man dabei durchläuft. Die Erinnerung an die überwundenen Schwierigkeiten und die erlebte Schönheit wird zu einer Quelle der Kraft im Alltag.

Am Ende der Reise sind nicht nur hunderte Kilometer zurückgelegt, sondern es ist auch ein neues, stärkeres Ich entstanden, das weiß, wozu es fähig ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Alpenüberquerung ist ein machbares Projekt, das auf systematischer Planung basiert, nicht auf extremer Athletik.
  • Ein 6-monatiger Trainingsplan mit Fokus auf Ausdauer und Testtouren in deutschen Mittelgebirgen ist der Schlüssel zum Erfolg.
  • Selbstüberschätzung ist die größte Gefahr; die Wahl einer zur eigenen Erfahrung passenden Route ist überlebenswichtig.

Wie Sie Ihre erste mehrtägige Trekkingtour ohne Zwischenfälle meistern?

Nach monatelanger Planung und Vorbereitung stehen Sie endlich am Startpunkt. Jetzt geht es darum, die Theorie in die Praxis umzusetzen und die Tour sicher zu genießen. Gutes Management auf dem Weg ist genauso wichtig wie die Vorbereitung selbst. Es geht darum, Ressourcen zu schonen, kluge Entscheidungen zu treffen und für den Notfall gewappnet zu sein.

Ein entscheidender Faktor ist das Pacing: Starten Sie langsam in den Tag. Gehen Sie die erste Stunde bewusst langsamer, um dem Körper Zeit zu geben, auf Betriebstemperatur zu kommen. Machen Sie regelmäßige, kurze Pausen (alle 1-1,5 Stunden für 5-10 Minuten), um zu trinken und einen kleinen Snack zu sich zu nehmen, anstatt eine lange, auszehrende Mittagspause zu machen. Dies hält den Energielevel konstant. Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers. Ein kleines Zwicken im Knie sollte ernst genommen werden – oft hilft eine kurze Pause oder eine Anpassung des Rucksacks, um Schlimmeres zu verhindern.

Die Sicherheit hat immer oberste Priorität. Dazu gehört, den Wetterbericht täglich zu prüfen und flexibel zu bleiben. Eine Etappe bei angekündigtem Gewitter zu verschieben oder abzukürzen, ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Hinterlegen Sie Ihren detaillierten Tourenplan bei einer Vertrauensperson zu Hause. Essentiell ist auch das Wissen um die alpine Notfallkette. Speichern Sie die europaweite Notrufnummer 112 in Ihrem Handy und machen Sie sich mit dem alpinen Notsignal vertraut (6x pro Minute ein optisches oder akustisches Signal, dann eine Minute Pause). Eine Mitgliedschaft in einem alpinen Verein wie dem DAV ist dringend zu empfehlen, da sie eine Bergungskostenversicherung beinhaltet, die im Ernstfall existenziell sein kann.

Letztlich ist die Beherrschung dieser praktischen Fähigkeiten der letzte Baustein für eine gelungene Tour. Das Wissen, wie man sich im Ernstfall verhält, gibt eine ungemeine mentale Sicherheit.

Indem Sie diese Prinzipien verinnerlichen, verwandeln Sie Unsicherheit in Kompetenz und können sich auf das konzentrieren, worum es wirklich geht: das unvergessliche Erlebnis, aus eigener Kraft die Alpen zu überqueren. Um Ihren „Projektplan Alpen“ zu vervollständigen, ist der nächste logische Schritt, eine detaillierte Ausrüstungs- und Packliste basierend auf Ihrer gewählten Route und Jahreszeit zu erstellen.

Häufig gestellte Fragen zur Alpenüberquerung

Muss ich einen Hüttenschlafsack mitbringen?

Ja, ein Hüttenschlafsack aus Seide oder Baumwolle ist aus hygienischen Gründen auf allen DAV-Hütten und den meisten anderen Alpenhütten absolute Pflicht.

Wann beginnt die Hüttenruhe?

Die Hüttenruhe beginnt in der Regel um 22:00 Uhr und endet gegen 6:00 Uhr morgens. Dies dient der Erholung aller Bergsteiger, da viele am nächsten Tag früh aufbrechen.

Kann ich ohne Reservierung übernachten?

Davon ist dringend abzuraten. Besonders in der Hauptsaison (Juli/August) und auf beliebten Routen wie dem E5 ist eine Online-Reservierung über das Portal des jeweiligen Alpenvereins (z.B. DAV) unerlässlich. Ohne Reservierung riskieren Sie, nur einen Notschlafplatz oder gar keine Unterkunft zu bekommen.

Geschrieben von Stefan Bergmann, Stefan Bergmann ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer (IVBV) mit 16 Jahren Berufserfahrung in den Bayerischen und Tiroler Alpen. Er leitet anspruchsvolle Hochtouren, Trekkingexpeditionen und Alpinausbildungen und vermittelt neben technischem Können auch Risikobewusstsein und naturverbundene Bergsportethik.